Wie kamen Sie dazu, Mathematik zu studieren?
Mein Weg zur Mathematik war definitiv eine Reise mit einigen Plottwists. Eigentlich fing alles mit meiner Leidenschaft für das Zeichnen an, weshalb ich zunächst Produktdesign studierte. Während meines Praktikums versuchte ich, ein Auslandssemester im Bereich Illustration ins Rollen zu bringen, was mir jedoch verwehrt wurde. Der Frust darüber und die Erkenntnis, dass ich in der rein gestaltenden Tätigkeit keine Erfüllung fand, führten mich schließlich zum Schach. Dort habe ich meiner analytischen Seite zum ersten Mal wirklich Raum gegeben. Die Freude daran, kleine logische Knobeleien zu lösen, wurde für mich zum Zufluchtsort in dieser Situation. Das hat dann einige Dominosteine ins Taumeln gebracht, die mich letztendlich zur Mathematik geführt haben.
Was fasziniert Sie an der Mathematik besonders?
Für mich ist Mathematik das perfekte Zusammenspiel aus analytischer Präzision und kreativer Freiheit. Ich vergleiche das mal mit einer Partie Schach (wer hätte das gedacht) : Zuerst darf man fast schon träumerisch nach einer eleganten Lösung suchen und neue Perspektiven einnehmen, um den entscheidenden Weg überhaupt erst zu sehen. Doch sobald die kreative Idee steht, folgt die harte Analyse: Man muss sehr genau prüfen, ob die Strategie in der Realität funktioniert. In der Mathematik wie im Schach reicht eines allein nicht aus.
Können Sie zu dieser Analogie vielleicht noch etwas Überraschendes sagen?
Der ehemalige Weltmeister Mikhail Tal sagte einst: "Du musst deinen Gegner in einen tiefen Wald mitnehmen, wo 2+2=5 ist, und der Weg heraus nur groß genug für einen von euch ist." Natürlich bezog sich ,The Magician from Riga‘ damit ursprünglich auf seinen riskanten Spielstil und seine einzigartige Art, Figuren zu opfern. Dennoch denke ich, wenn man das Zitat etwas umdenkt kann es ganz gut beschreiben was Mathematik ausmacht. Um komplexe Probleme zu lösen, müssen wir diesen Wald freiwillig betreten. Wir müssen die sicheren Pfade verlassen und akzeptieren, dass unsere bisherige Logik an ihre Grenzen stößt. Die größten Durchbrüche erzielt man oft genau dort, wo die alte Vernunft nicht mehr greift. Man riskiert ein Stück seiner gewohnten Denkweise, um mit einer völlig neuen Wahrheit aus dem Wald zurückzukehren. (Außerdem ist tatsächlich manchmal 2+2=5)
Was machen Mathematiker eigentlich?
Es kommt stark darauf an, welche Art von Mathematik man betrachtet. In der angewandten Mathematik geht es darum, die Realität wie eine riesige Textaufgabe zu behandeln: Man bricht komplexe Sachverhalte auf die wesentlichen Daten und Objekte herunter, um sie mit mathematischen Werkzeugen besser zu verstehen. In der reinen Mathematik hingegen konzentriert man sich darauf, diese Werkzeuge überhaupt erst zu erschaffen und zu schärfen. Das Ziel ist es hier, möglichst tiefgreifende und allgemeingültige Aussagen treffen zu können.
Sind Sie eher angewandter oder reiner Mathematiker?
In meinem Bachelorstudium habe ich bewusst beiden Seiten, der reinen und der angewandten Mathematik, gewissen Platz gelassen. Im Master habe ich mich dann jedoch immer stärker in die angewandte Richtung bewegt. Mein besonderes Interesse gilt der mathematischen und vor allem numerischen Perspektive auf die Quantenchemie. Das könnte man der angewandten Mathematik zuordnen. Dennoch fühlt es sich für mich immer wieder an, als würde ich einen alten Freund treffen, wenn ich auf abstraktere Werkzeuge aus der reinen Mathematik zurückgreifen kann.
Jonas Beck M.Sc.
Preisträger für herausragenden M.Sc. Abschluss am Fachbereich Mathematik 2025