October 1, 2017

Herr Klumpp, warum studieren Sie Mathematik?

Porträts am Fachbereich Mathematik

 

Prof. Dr. Meinolf Geck

Okay, liebe Fachschaft,...

Richtig heißt es: Fachgruppe.

Tatsächlich?

Heutzutage sagt man statt „Fachschaft“ „Fachgruppe". Eine Fachschaft vertritt eigentlich eine gesamte Fakultät, eine Fachgruppe „nur“ einen ganzen Studiengang.

Okay, liebe Fachgruppe,...

Genau genommen kann man auch „Fachschaft“ sagen.

Okay. Wie auch immer. Was sind denn eure Aufgaben?

Natürlich sind die Aufgaben der Fachgruppe so vielseitig wie ihre Mitglieder: Zuvorderst vertreten wir die Interessen der Studierenden in den verschiedenen Gremien der Universität: dem Fakultäts- und dem Fachbereichsrat, der Studienkomission, sowie gegebenenfalls der Berufungskomission. Die Fachschaft tagt in der Vorlesungszeit jede Woche, in der vorlesungsfreien Zeit nach Bedarf. Die Fachgruppe bespricht wichtige Themen, wie die stets anstehende Studiengangsreform oder das aktuelle Porträt des Monats. Des Weiteren organisiert die Fachschaft, teilweise in Kooperation mit dem Fachbereich, verschiedene Veranstaltungen wie die Erstsemestereinführung und das Erstsemesterwochenende, diverse Ausflüge und den wöchentlichen Spieleabend. Unser Fachgruppenraum, auch „Halle der Erleuchtung“ genannt, befindet sich im 8. Stock in 8.326, direkt hinter dem studentischen Arbeitsraum, der auch „Folterkammer“ genannt wird.

Aha. Das sind ja sehr... kreative Namen.

Leider war „Banachraum“ schon vergeben.

Es hätte auch weniger komische Namen geben können.- Kann jeder in der Fachschaft mitmachen?

In der Fachgruppe kann prinzipiell jeder Studierende im Fachbereich Mathematik mitmachen. Unsere Sitzungen sind dieses Semester jeden Donnerstag ab 13 Uhr. Auch außerhalb der Sitzungen ist der Fachschaftsraum fast immer offen. Wer also Fragen oder Anregungen hat, kann jederzeit kommen.

Regelmäßig in die Sitzungen zu kommen klingt sehr zeitaufwändig. Welche Chancen bietet das Engagement in der Fachgruppe?

Chancen bietet die Fachgruppe mehr als man glaubt: Unser Fachschaftsraum ist der perfekte Ort, um andere Studierende zu treffen, die schon mal mindestens ein Interesse teilen: Mathematik.Dadurch bilden sich schnell Freundschaften und Lerngruppen, die einem im Studium enorm helfen. Auch der Kontakt zu Studierenden höherer Semester kann fachlich sehr hilfreich sein. Außerdem macht soziales Engagement auch immer einen positiven Eindruck auf potenzielle Arbeit- oder Stipendiengeber. Am Wichtigsten ist aber: Es macht Spaß!

Hört sich toll an! Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Fachgruppe für dieses interessante Interview.

Es war uns eine Ehre.

Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Meistens gepaart mit „Wie kann man das freiwillig machen?“. Dabei hat die Mathematik im Studium oft gar nicht mehr so viel mit der Schulmathematik gemeinsam.

Wie bitte? 

Nun ja, mir gefiel Mathematik und Physik in der Schule und daher habe ich mir gedacht „Warum studierst Du nicht einfach Mathematik?“. Was genau dahinter steckt und was man damit beruflich machen kann, war mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht so klar. Ich wusste nur, dass ich Naturwissenschaften, abstraktes Denken und das Lösen von Rätseln eine gewisse Anziehungskraft auf mich ausübten und heute noch tun...

Und was verbirgt sich nun hinter dem Studium? 

Eine ganze Menge: Angefangen hat es mit Logik im ersten Semester, wir konnten uns ein Nebenfach aussuchen (ich wählte Physik) und wir hatten direkt am Anfang numerische Mathematik gepaart mit einem Programmierkurs. Was mich besonders fasziniert hat, war, dass wir in Analysis bei 1+1=2 angefangen haben (im wahrsten Sinne des Wortes) und aus dieser Aussage und ein paar Axiomen die komplette Schulmathematik nochmal hergeleitet haben. Heißt: Was sind natürlich Zahlen? Ganze Zahlen? Rationale Zahlen? Reelle Zahlen? Was ist eine Funktion? Was ist eine Ableitung? Was ist ein Integral? Das war natürlich eine Menge Wiederholung, aber auf einem ganz neuen Niveau. Außerdem lernten wir dabei die ganze Notation und Beweise kennen.

Im Verlauf des Studiums kann man dann immer mehr Fächer frei wählen, sodass ich mich während meines Bachelors im Bereich theoretische Physik/numerische Mathematik spezialisiert habe. Die Schnittmenge dieser zwei Gebiete war meistens der Bereich partielle Differentialgleichungen.

Und das ist? 

Eine Differentialgleichung ist oft eine Bewegungsgleichung. Man kennt das aus der Schulphysik: Ein Fadenpendel wird ausgelenkt und erfährt dementsprechend eine Rückstellkraft. Gesucht ist nun die Bewegungsgleichung des Pendels. Näherungsweise lässt sich diese Bewegung durch einen Sinus beschreiben.

Das fasziniert mich auch ungemein: Dass sich in der Mathematik die Realität in abstrakte Funktionen oder Formeln übersetzen lässt. Dann kann man in der Welt der Mathematik rechnen und ein Ergebnis erhalten und dieses Ergebnis wieder in die wirkliche Welt übersetzen kann. Im besten Fall hat man damit neue Informationen erhalten und kann in manchen Fällen sogar ein wenig in die Zukunft blicken.

Dementsprechend lässt sich die Frage „was kann man denn damit machen?“ ziemlich leicht beantworten: Natürlich gibt es Gebiete in der Mathematik, die einfach nur schön sind. Mit diesen Gebieten beschäftige ich mich gerne, weil es einfach Spaß macht. Ein großer Teil der Mathematik ist jedoch auch in den Naturwissenschaften motiviert. Dort gibt es Probleme, die wir nicht mit dem gesunden Menschenverstand, aber mit Mathematik lösen können.

Was macht ein Mathematiker dann im Physiklabor der UC Berkeley? 

Durch meinen Physikprofessor Prof. Dr. Tilman Pfau erhielt ich die Möglichkeit ein Praktikum in Kalifornien zu absolvieren.  Ich wollte nämlich nach meinem Bachelorabschluss 2016 erst einmal etwas Anderes machen und ein Praktikum im Ausland verband Praxis- und Auslandserfahrung in einem. Im Physiklabor selbst konnte ich viele verschiedene Aufgaben wahrnehmen: Anfangs hatte ich mehrere Projekte im Bereich Optik und Elektrotechnik, um mit der Apparatur erst einmal vertraut zu werden. Nach zwei Monaten ging es dann über zu Programmierarbeit und abschließend durfte ich das Projekt, das ich mir erarbeitet habe, bei einer Firma in Auftrag geben. Das ist eine kleine Box, die die Stabilität von allen 18 Lasern im Labor auf 3 Oszilloskopen darstellen kann.

Das klingt jetzt doch sehr handfest, warum also wieder zurück an die Uni? Und warum wieder Stuttgart? 

Stimmt. Ich bin nach dem Praktikum wieder zurück an die Uni Stuttgart, um meinen Master in Mathematik zu machen. Die Uni Stuttgart hat sich natürlich angeboten, da ich schon im Bachelor vorgezogene Mastermodule gehört habe und diese dann natürlich ohne Probleme anerkannt werden können. Außerdem habe ich die Personen im Fachbereich kennen und schätzen gelernt, das ging zum Teil schon fast familiär zu. Zusätzlich habe ich erst letztes Jahr eine schöne Wohnung in Vaihingen gefunden, das alleine ist ja schon fast Grund genug in Stuttgart zu bleiben.

Die Mathematik ziehe ich nun definitiv der Physik vor, jedoch habe ich auch im Master wieder das Nebenfach Physik gewählt.

Gibt es schon Pläne für nach dem Studium? 

Ja und nein. Ich möchte nach meinem Masterabschluss erst einmal in der Wirtschaft arbeiten. Ich weiß zumindest, dass ich NICHT im Bereich Bank/Versicherung/Unternehmensberatung arbeiten möchte, für alles andere bin ich jedoch offen. Ganz besonders interessant wäre es, in der Simulationsbranche zu arbeiten, zum Beispiel in der Automobilindustrie. Dann könnte ich den Bereich partielle Differentialgleichungen / Optimierungsprobleme und deren numerische Lösung in meinem Arbeitsalltag anwenden.

Ich werde auch ab diesen Sommer als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Herrn Dr. Giesselmann arbeiten, er ist unter anderem an der numerischen Lösung von kompressiblen Mehrphasenströmen interessiert. Da bin ich schon sehr gespannt darauf.

Na dann weiterhin so viel Spaß an der Mathematik und viel Erfolg! 

Dankeschön.

Maximilian Klumpp, B.Sc.
Masterstudent an der Universität Stuttgart

Priv.-Doz. Dr. Peter H. Lesky
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