26. Februar 2020 / Fachbereich Mathematik

Frau Voggesberger, wieso haben Sie sich entschieden Mathematik zu studieren und wie hat Ihnen das Studium gefallen?

Preisträger der Robert Bosch GmbH für herausragenden M.Sc. Abschluss am Fachbereich Mathematik
Porträts am Fachbereich Mathematik

Wenn ich erzähle, was ich studiert habe, sind die meisten Leute (bestenfalls) verwundert: Warum denn ausgerechnet Mathematik? Kann sowas Spaß machen?

Wie sind Sie also dazu gekommen?

Wie den meisten Mathematikstudierenden hat mir Mathe in der Schule immer Spaß gemacht, es gibt einem ein tolles Erfolgserlebnis wenn man eine Aufgabe gelöst hat. Also dachte ich mir: warum nicht Mathematik studieren?

War es dann auch so, wie Sie es sich erhofft hatten?

Ja und nein.

Etwas, was ich gerne jedem Studienanfänger in der Mathematik mitgeben möchte, ist, dass das Studium häufig ganz anders ist als das, was man aus der Schule gewohnt ist. Ich denke, dass die meisten von uns eine völlig andere Erwartung an das Studium haben, als es in Wirklichkeit ist. Die Frage ist, ob einem das gefällt. Für das Mathematikstudium muss man nicht gut im Kopfrechnen oder im Umgang mit Zahlen sein. Es ist sehr viel Theorie und die Fähigkeit zu abstraktem und analytischem Denken ist wichtig. Es ist also nicht so, dass man ein bestimmtes Verfahren kennen lernt (beispielsweise zum Berechnen von Integralen) und dies dann an konkreten Beispielen übt. Viel mehr ist man daran interessiert, zu verstehen, warum diese Techniken funktionieren. Das kann auch zu sehr abstrakten Gebieten der Mathematik führen, von denen man außerhalb eines Mathematikstudiums nichts hört. Wir verwenden sehr viel Zeit darauf, diese Sachverhalte zu verstehen. Das kann sehr frustrierend sein; eine wichtige Kompetenz, die ich in meinem Studium gelernt habe, war, eine hohe Frustrationstoleranz zu haben. Das möchte ich nicht beschönigen – ich promoviere inzwischen in der Mathematik und habe trotzdem jeden Tag das Gefühl, dass ich nicht genug weiß.

Das klingt aber nicht ermutigend!

Das ist ja auch nur die eine Seite. Auf der anderen Seite lernt man unglaublich spannende Dinge! Mich hat es immer fasziniert, welche Konstruktionen man aufbauen kann und was man alles beweisen kann. Man muss nur alle Teile richtig zusammensetzen, dann bekommt man (wenn man Glück hat) plötzlich ein schönes Resultat, das einem woanders weiterhelfen kann.

Für einen Nicht-Mathematiker ist das vielleicht so wie Sudoku-Rätsel lösen; man hat die Informationen und muss diese nur an die richtigen Stellen bringen. Man lernt während des Studiums viele andere Menschen kennen, denen es genauso geht. Mathematiker sind unglaublich hilfsbereit und arbeiten gerne zusammen an Problemen. Das ist eine sehr schöne Erfahrung.

Ein Mathematikstudium ist also schon sehr anspruchsvoll.

Sicherlich. Aber das sind andere Studiengänge auch. Wir sollten uns von dem Mythos lösen, dass man ein Genie sein muss, um Mathe studieren zu können. Ich kann mich erinnern, dass ich damals starke Zweifel hatte, ob Mathematik das richtige Fach für mich ist. Ich war schließlich kein Ausnahmetalent, wie ich es aus Filmen kannte.

Die Wahrheit ist, dass die wenigsten Mathematiker tatsächlich Genies sind. Man muss natürlich Arbeit in sein Studium stecken - aber wenn man etwas Neues lernt, ist das immer mit Aufwand verbunden. Ich denke, dass viele Leute zu viel Angst und Ehrfurcht vor der Mathematik haben und folglich gar nicht erst versuchen, die Mathematik zu verstehen. Ich möchte deshalb jeden, der sich für Mathematik interessiert, ermutigen, dem nachzugehen - es ist nicht so schwer, wie man denkt!

Was haben Sie denn in Ihrem Studium gelernt?

Die Mathematik ist viel breiter aufgestellt, als man das aus der Schule vermuten würde. Deshalb vorweg: Was ich in meinem Studium gemacht habe, ist nicht stellvertretend für alle Mathematikstudierenden. Natürlich muss jeder dieselben Grundlagen lernen und für alle Fachbereiche gilt auch, dass man alle Aussagen, die man treffen möchte, beweist.

Ich persönlich habe mich für eine Vertiefung in der Algebra und Numerik entschieden. Die Algebra ist wunderbar abstrakt und hat auf den ersten Blick nichts mit der Realität zu tun. Trotzdem gibt es viele Anwendungen, zum Beispiel in der Physik oder Informatik. Beispielsweise benötigt man für Verschlüsselungsverfahren mit Primzahlen einige Ergebnisse aus der Algebra.

In der Numerik versucht man gewisse Algorithmen, insbesondere zum Lösen mathematischer Gleichungen, zu finden und zu untersuchen, wie gut diese funktionieren. Das kann dann zum Beispiel in der Physik und in Ingenieurswissenschaften verwendet werden.

Nun aber doch konkret gefragt: Was macht man eigentlich nach einem Mathematikstudium?

Mathematiker können sehr vielfältige Berufe ergreifen. Das ist natürlich Fluch und Segen zugleich: Einerseits hat man eine große Auswahl an Richtungen, für die man sich entscheiden kann. Andererseits gibt es selten Stellen, die konkret für Mathematiker ausgeschrieben sind und es gibt kein klares Berufsbild. In der Regel findet man aber mit einem abgeschlossenen Mathematikstudium einen Arbeitsplatz. Gerade in Stuttgart gibt es viel Autoindustrie und Zulieferbetriebe. Wer ein bisschen Programmierkenntnisse aus seinem Studium mitbringt, kann auch in der IT-Branche einsteigen. Wenn man sich eher für Statistik interessiert, dann findet man zahlreiche Stellen bei Banken und Versicherungen. Wer darüber mehr erfahren möchte, kann beispielsweise zu Vorträgen von Mathematikern gehen, die ihre Berufe vorstellen (die Universität Stuttgart bietet diese regelmäßig an).

Ich persönlich habe mich dafür entschieden, im akademischen Bereich zu bleiben. Ich habe meine Masterarbeit in der Algebra geschrieben und promoviere nun auch auf diesem Gebiet. Das abstrakte Denken war für mich immer das Faszinierendste an der Mathematik.

Leider kann ich fachfremden Menschen nur schwer in allen Einzelheiten erklären, was ich denn genau mache. Das ist natürlich sehr schade, da man anderen die Freude an seinem Thema nicht vermitteln kann.

Ich möchte es hier etwas allgemeiner halten und eine Kollegin von mir zitieren.

Sie sagte, dass unsere Arbeit ein bisschen so wie Detektivsein ist. Wir suchen in verschiedenen Texten die richtigen Hinweise und Spuren, um diese schließlich zusammenzusetzen, damit wir den Fall lösen können. Diesen Vergleich fand ich sehr schön.

Und ein schönes Schlusswort! Vielen Dank für das Gespräch.

Laura Voggesberger
Preisträger der Robert Bosch GmbH für herausragenden M.Sc. Abschluss am Fachbereich Mathematik

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