10. September 2020 / Fachbereich Mathematik

Herr PD Dr. Dippon, kann man als Mathematiker*in auch freiberuflich arbeiten?

Porträts am Fachbereich Mathematik der Universität Stuttgart

Ja, klar. Allerdings liegen die möglichen Tätigkeitsbereiche nicht so klar auf der Hand wie bei Architekten, Journalisten, Juristen, Künstlern oder Medizinern. 

Die meisten Mathematik-Studierenden streben nach ihrem Studium eine angestellte Tätigkeit an. Was sind die Gründe hierfür?

Mathematik wird in erster Linie aus Interesse am Fach studiert. Das Mathematik-Studium wird von den meisten eher als eine interessante und herausfordernde intellektuelle Existenzform angesehen und weniger als eine Berufsausbildung. Der Gedanke, hiermit irgendwann mal auch seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, ist zu Beginn der Studiums meist nicht sehr präsent.

Wie hoch ist die Quote der selbständigen Mathematiker?

Der Anteil freiberuflicher Mathematiker liegt vermutlich im einstelligen Bereich. Es gibt deshalb auch nicht viele Karrieremodelle für selbständige Mathematiker. Da Mathematiker überall einzusetzen sind, wo Strukturen formalisierbar sind, trifft man selbständige Mathematiker auch in unterschiedlichen Branchen an.

Nennen Sie uns ein paar Beispiele!

Ich kenne freiberufliche Mathematiker, die im Bereich des maschinellen Lernens, der CAD, der Epidemiologie, der medizinischen Statistik, der Marktforschung, der Versicherungsmathematik, der Qualitätskontrolle, der Optimierung von industriellen Abläufen, als Gutachter bei juristischen Prozessen und in vielen weiteren Gebieten tätig sind. Wie unschwer zu erraten, erfordert dies meist auch noch zusätzliche Kenntnisse im jeweiligen Anwendungsgebiet. Diese können zum Beispiel im Rahmen eines geeigneten Nebenfaches, eines Zweitstudiums oder einer Weiterbildung zum Aktuar oder MBA erworben werden.

Ich spiele mit dem Gedanken, mich nach meinem Mathematik-Studium selbständig zu machen. Ist das eine realistische Alternative zu einer angestellten Tätigkeit?

Neben dem Wunsch nach einer unabhängigen Tätigkeit bedarf es insbesondere einer erfolgsversprechenden Idee für ein Produkt oder eine Dienstleistung, die so nicht an jeder Straßenecke angeboten wird. Eine solche Idee kann zum Beispiel im Rahmen einer Master- oder Doktorarbeit entstehen.  Alternativ kann man auch zunächst für zwei oder drei Jahre in ein Unternehmen gehen, um dort erste berufspraktische Erfahrungen zu sammeln und während dieser Zeit eine Gründungsidee entwickeln. Häufig erfolgen Gründungen auch im Team, um ein größeres Spektrum an Kompetenzen abzudecken.

Welche Voraussetzungen sollte ich mitbringen?

Das Mathematik-Studium befähigt zu einem analytischen Arbeitsstil und erhöht die Frustrationstoleranz. Neben dem Blick auf das Detail sollte man auch einen ausgeprägten Blick für das große Ganze entwickeln und in der Lage sein, immer auch die Perspektive des Kunden oder Anwenders mitzudenken. Zumindest in der Gründungsphase muss man sich von der geregelten Arbeitszeit eines Nine-to-five-Jobs und der finanziellen Sicherheit eines Tarifvertrages verabschieden.

Wie hoch ist das Risiko zu scheitern?

Ob man sich mit seiner Idee am Markt durchsetzen kann, lässt sich natürlich nur schwer vorhersagen. Wirtschaftlicher oder beruflicher Misserfolg kann jeden treffen, auch den Angestellten. Dies ist also kein Alleinstellungsmerkmal des Entrepeneurs. Innovationen entstehen fast immer nur dort, wo Menschen bereit sind, Risiken einzugehen. In Deutschland kann man seit vielen Jahren beobachten, wie schwierig es für große Firmen ist, technologische Durchbrüche zu "organisieren". Gescheiterte Start-Ups werden hierzulande mit Argwohn betrachtet, ganz anders dagegen in den USA.

Wo kann ich Unterstützung erhalten?

Als Gründungsbeauftragter der Fakultät Mathematik und Physik stehe ich Gründungsinteressierten für eine informelle Diskussion sehr gerne zur Verfügung. Der nächste Schritt könnte dann darin bestehen, mit der Technologie-Transfer-Initiative (TTI GmbH), einer Tochter der Universität Stuttgart, Kontakt aufzunehmen. Sie ist die zentrale Anlaufstelle an unserer Universität, um die Kultur der unternehmerischen Selbstständigkeit zu stärken und dauerhaft zu etablieren. Ihr Ziel ist es, dabei mitzuwirken, wissenschaftliche Ergebnisse in wirtschaftliche Wertschöpfung zu transferieren.

Wie kann eine Unterstützung konkret aussehen?

Die Technologie-Transfer-Initiative hat viele Förder- und Coachingprogramme entwickelt, um Gründungswillige zu unterstützen, wie zum Beispiel eine zweijährige Unterstützung in der Größenordnung von E13/2. Neben Absolventen und Alumni können auch Hochschullehrer eine Unternehmung als Abteilung der TTI GmbH gründen. Ich selber habe vor 20 Jahren diesen Schritt gewagt und mit Random Research (zugegeben, mit ironischer Doppelbedeutung) eine Gründung durchgeführt.

Herr Dr. Dippon, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Priv.-Doz. Dr. Jürgen Dippon
Gründungsbeauftragter der Fakultät Mathematik und Physik
Institut für Stochastik und Anwendungen

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